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228. Satire - Überlebenshilfe |
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Der Faszination des Herbstes vermögen sich nur wenige zu entziehen. Mit seiner bunten Blätterpracht dringt das
beinahe täglich wechselnde Farbenspiel in jedes Auge, jedes Herz und jede Seele hinein. Doch der Herbst besteht
ebenso aus gewaltigen Winden und nasskaltem Wetter. Melancholie heißt die zweite Frucht dieser winterlichen Vorhut
und gerade sie ist es, die selbst menschliche Bäume mit einem Wimpernschlag zu fällen vermag. Vortrag von Prof. Dr. Brandschlag über die Prävention suizidalen Verhaltens gehalten am 20.11.2009 auf dem Ärztekongress Recklinghausen Sehr geehrter Herr Vorsitzender, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, schon lange wird in Fachkreisen darum gerungen, welches probate Mittel zur Prävention suizidalen Verhaltens am besten geeignet ist. Manche von meinen Kollegen schwören auf die intravenöse Gabe von reichlich Narkotika. Nicht zuletzt in der Hoffnung aufgrund eines daraus mittelfristig resultierenden Leberschadens den Patienten noch rechtzeitig an die Kollegen von der Inneren Medizin überweisen zu können. Die klassische Gruppentherapie scheitert seit jeher an der mangelhaften Zuwendung zum Einzelindividuum und die Einzelsitzungen an der mangelhaften Zuwendung der Krankenkassen. Nicht zuletzt versagt uns das Strafgesetzbuch den testweisen Einsatz der Konfrontationstherapie. Umso stolzer bin ich, Ihnen heute die Ultima Ratio der Suizidbekämpfung präsentieren zu können: die EA-Therapie! Die EA-Therapie ist simpel in der Anwendung und effektiv im Ergebnis. Mit der EA-Therapie verspreche ich Ihren Patienten eine 100-prozentige Heilungschance und Ihnen 200-prozentige Gewinnzuwächse. ![]() Fehlzündung Bevor ich Ihnen die Funktionsweise der EA-Therapie an konkreten Beispielen erläutere, lassen Sie mich zuerst die zugehörige Intention erläutern. Ziel der EA-Therapie ist es, den unterdrückten Lebenswillen des Gemütskranken aufzufrischen und nachhaltig zu stimulieren. Zuerst konfrontiert man den Patienten mit der Lebenssituation einer ihm völlig unbekannten Person und erzählt ihm eine extrem abstruse und unglaubwürdige Geschichte über diesen Unbekannten. Hierbei darf der Hinweis nicht fehlen, dass diese Person trotz all dem Irrsinn den Lebenswillen stets behalten und sogar noch weiteren Unsinn gebaut hat. Der Patient wird sich hierauf über ihre vermeintliche Fantasieerzählung lustig machen und sich seinen Lebensüberdruss nicht durch irgendwelche Schauergeschichten herabwürdigen lassen. Wenn Sie nun in unmittelbarer Folge dem Patienten die Wahrhaftigkeit Ihrer Schilderung beweisen, dann löst dies ein positiv traumatisches Erlebnis in ihm aus. Das geschieht mit der Konsequenz einer Konditionierung des Unterbewusstseins, die ihm fortan das eigene vermeintlich üble Schicksal im gesellschaftlichen Vergleich als durchaus hinnehmbar akzeptieren lässt. Gefallene Beispiele Als erstes Fallbeispiel aus meiner Praxis sei Ihnen das Schicksal von Frau Beate G. geschildert, welche durch eine langwierige Scheidung und diverse berufliche Rückschläge ein gestörtes Selbstwertgefühl besaß und hochgradig suizidgefährdet war. Diese Patientin konfrontierte ich mit dem Schicksal eines Vertriebschef aus der Computerspielbranche. Ich erzählte der Dame, dass dieser Vertriebschef unlängst ein Spiel auf den Markt gebracht habe, das für alle Käufer der Standard Version aufgrund defekter Dateien nicht zu installieren war. Aberzigtausende von gepressten DVDs waren Müllbergfutter. Millionenschwere Werbekampagnen liefen ins Leere und die Kosten der Rückrufaktion begannen astronomischen Umfang anzunehmen. Frau Beate G., selbst lange Jahre für die Warenabwicklung eines mittelständischen Unternehmens verantwortlich, erkundigte sich daraufhin, ob denn keine Chargenüberprüfung vorgenommen worden sei? Es mute sehr unglaubwürdig an, dass es heutzutage noch irgendwo auf dieser Welt tatsächlich einen Produktionsablauf geben solle, der ohne stichprobenartige Qualitätskontrollen während des Herstellungsprozesses stattfinde. Von der Selbstverständlichkeit einer Endkontrolle ganz zu schweigen. Und das dann auch noch bei einem Weltkonzern. Dies sei völlig lachhaft. Ich setzte meine Erzählung unter gleichzeitiger Vorlage diverser Internetberichte fort und erwähnte abschließend, dass der unfähige Vertriebschef trotz ersichtlicher Inkompetenz weiterhin am Leben teilnahm und sich die von ihm initiierten Ersatzlieferungen erneut als defekt herausstellten. Dies war die letzte Therapiestunde, die Frau G. in Anspruch genommen hat. Heute führt sie einen kleinen Laden für Feinstrickmode und ist seitdem absolut beschwerdefrei. ![]() Eine Sekunde später ward das Sprichwort „Das kannst du dir aus dem Kopf schlagen“ geboren. Heribert K. lernte ich im Rahmen eines begleitenden Polizeieinsatzes kennen. Bei meinem ersten Kontakt stand er auf dem Dachsims eines Bürogebäudes und drohte sich in die Tiefe zu stürzen. Meine Begrüßung lautete: „Kennen Sie Herrn Riccitiello?“ Diesem Einstieg folgte ein längerer Dialog, in Rahmen dessen ich Heribert K. ein wenig über ein Unternehmen erzählte, dessen Produkte zu den Chartstürmern und Megasellern sowohl im PC als auch im Konsolenbereich zuzurechnen sind. Alleine schon während der Aufzählung der erfolgreichen Spieletitel der letzten Jahre wurden uns beiden die Beine müde und wir mussten uns auf den Dachsims setzen. Anschließend erwähnte ich, dass diese Firma im Jahre 2008 das Kunststück vollbracht hatte, den Umsatz um 18 Prozent steigern und gleichzeitig durch diverse unlukrative Firmenübernahmen 450 Millionen Dollar Verlust machen zu können. Wenig später seien 1100 Mitarbeiter entlassen und der Verlust trotzdem über die Milliardengrenze getrieben worden. Ich schloss mit der abenteuerlichen Schilderung des letzten Quartalsberichtes. Hier wurde bei knapp 400 Millionen Verlust die Entlassung weiterer 1500 Angestellter und eine damit erreichbare Einsparung von 100 Millionen Dollar angekündigt. Es brauchte nur noch der Erwähnung, dass Riccitiello zeitgleich weitere 275 Millionen Dollar in die Hand nehmen und schon wieder eine neue Firma kaufen wolle, damit die Psyche von Heribert K. wiederhergestellt war. Nach fassungslosem Zuhören begann er, die anwesenden Polizeibeamten dazu aufzufordern, anstatt seiner Stelle umgehend den verantwortlichen Geschäftsführer auf den Dachsims zu stellen. Meine geehrten Kolleginnen und Kollegen, Sie sehen, die EA-Therapie verspricht einen Durchbruch in der Geschichte der Psychotherapie. EA rettet Leben! Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. |